DECONSTRUCTION AS A TRACE | SOPHIE-CHARLOTTE BOMBECK

“Do Not Cross The Border”
Veronika Wenger 2015
155 x 150 cm, marker, tape, spray and pencil on paper

Black, white, lines weaving in and out of each other, centripetal and centrifugal forces, rhythms, dynamically flowing, positive and negative traces; remains. Between found and invented, unconscious and conscious, past and present, between the original and alienated, Veronika Wenger‘s works reveal to us a sensual insight.

Outlines and volumes of a woman‘s body, of a dancer barely recognizable — the plastic appears only as a formal quality. The physical not only determines our perception; the physical is found on the side of the perceived. The abstract drawings make it clear that the body has by no means been abolished, but (only) the modalities of its representation have been transformed.

The drawings by Wenger can be seen, as if listening to them read out in another language that evokes both linear and open spatial surfaces, to put it somewhat paradoxically. Her works oscillate between a free figurativeness that is devoid of any description of the object and a poetizing representationalism of often only vaguely hinted at architectures, figures or language. The possibilities of drawing are carefully explored: linear and coloured movements, rhythmic structures, still and delicate, dynamic and rapid. But the drawings on paper, MDF and cardboard show nothing of the physical reality, they are not even abstract in the sense that they are a shortage of something found, they are simply non-representational. On a monochrome ground, lines, fleeting strokes, are to be found, which draw, cross and circle. Colour is added, but remains locally limited — which makes them all the more expressive.

 

“Besen”
Veronika Wenger 2019
60 x 50 cm, marker, pencil, tape on MDF

They are fragments, signs, forms, traces, letters and lines of a mental, inner world. It is the presence and absence of the trace, its appearance and disappearance, its storage and being remembered, or its loss and lost absence that draws us under the spell of her works.

The proximity of memory to writing, one of her vehicles, is obvious. Writing frees daily facts of life from the vortex of forgetting. At the same time, however, it translates all primary experiences (what we see before one another), what we experience, even the shaking of love and death. Thus the works appear as a meaningful juxtaposition of chaos and straightforwardness that creates a dialogue between memories of traces, choreography, dance or performance. A cosmos of connections and references that can be found again and again in the serial works. A continuous element is the line, which both separates and connects. The emotional-objective lines, whose beautiful autonomy can be addictive, frees the line from the ground or the ground from the line, and yet both are preserved. It connects the visible forms to an endless connection between inside and outside, surface and form. It reinforces a symmetry of depth dimension. Through its rhythmic division, the experience of depth, movement, the conscious and the unconscious is created, whereby the works not least gain in temporality.

Sophie-Charlotte Bombeck
Munich 2020

Text published in the catalog:
VERONIKA WENGER | DIE LINIE / THE LINE

 

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LINEATUREN | BERNHARD LYPP

 

“Black Line”
Veronika Wenger 2020
100 x 70 cm, marker on paper

Das weiße Blatt und die leere Leinwand sind materielle Gegenstände, die den Dingen und Ereignissen zugehören, aus denen das Insgesamt der Welt besteht. Fassen wir sie jedoch als Gerüste einer Bühne auf, dann haben wir sie aus dem Sammelsurium der Welt aussortiert und nehmen sie als einen Rahmen wahr, mittels dessen das Sein der bloßen Vorhandenheit in Anführungszeichen gesetzt ist. Wir haben eine imaginäre Grenzlinie gezogen, die zwischen dem weißen Blatt, der leeren Leinwand und ihren realen Gegenstücken alltäglichen Lebens verläuft: das Bühnengerüst und was es sonst noch alles gibt. Aufgrund der Rahmung sind das Bühnengerüst und seine Umwelt kreiert als das jeweils andere ihrer selbst und das Blatt und die Leinwand sind zu primären Medien avanciert.

Aber die Anführungszeichen sind da, bevor die Sätze artikuliert sind, die zwischen ihnen zu stehen hätten. Wir haben die Klammern, aber das Eingeklammerte fehlt. Das Gerüst der Bühne ist leer. Insofern bleibt es in der Wiederholung des Alltäglichen stecken, in dessen Ausdruckslosigkeit der Beobachter hineinstarrt – wie umgekehrt diese ihn anstarrt. Wie bringt man in das wechselseitige Anstarren eine wie auch immer geartete Artikulation hinein, das ist die Frage. Und die Antwort auf diese Frage lautet paradox genug: Durch Sichtbarmachen des Unsichtbaren und Unsichtbarmachen des Sichtbaren. Das Geschehen auf der Bühne muss die materielle Welt verschwinden lassen und das Unsichtbare als eine imaginäre Welt zur Erscheinung bringen. Die Innenwelt der Bühne hat das Außen ihrer Umwelt in sich selbst einzuziehen und darin zu versammeln. Erst in dieser Doppelrahmung scheidet sich das Kunstwerk von seinen Gegenstücken in der realen Realität ab.

 

“Abgefratzt”
Veronika Wenger 2018
100 x 65 cm, marker, tape, acrylic and pencil on plastic

Der Anfang des Kunstwerks ist eine kontingente Setzung, ein Schnitt, der vom  Zufall dirigiert ist, ganz gleich ob der Vortrag brutal oder zögernd und tastend erfolgt. Das Kunstwerk betritt sein primäres Medium, das Bühnengerüst als ein Einschnitt, als eine „unterscheidbare Form“, als „eine Linie, deren Ziehung zwei Raumteile trennt und damit erzeugt“ (Luhmann) –  als jeweils andere Seite der anderen Seite. Die Arbeit kann sich nun auf beide Seiten und im Hin und Her zwischen ihnen erstrecken. Man markiert auf der einen Seite eine Stelle und muss schauen, was auf der anderen passiert. Im Vor und Zurück, im Vorher und Nachher hat sich ein Kunstraum hergestellt und zugleich hat dieser seine Eigenzeit gewonnen. Möglicherweise muss die gezogene Linie versetzt und an den Rand der einen Seite verschoben werden, um der anderen einen größeren Spielraum zu verschaffen. Was folgt sind Sequenzen von Verschiebungen und Verdichtungen, von Brechungen und Durchstreichungen, ein Arsenal von Linienkombinationen, bis die Arbeit innehält und die Schwerpunkte an andere Stellen verlegt – oder alle Markierungen entweder formenkombinatorisch oder buchstäblich zerfetzt werden, ein anderer Schnitt gemacht wird und ein neues Werk beginnt.

 

“VII”
Veronika Wenger 2017
100 x 65 cm, marker, pencil on plastic

Was haben wir als Beobachter gesehen, wenn wir uns das Kunstgeschehen derart vergegenwärtigen, worein sind wir involviert? Wir haben gesehen, wie sich bei der Herstellung eines dichten Geflechts von Beziehungen die Beobachtung der Eingriffe in das Geflecht auf sich selbst richtet. Wir haben gesehen auf welche Weise sich das primäre Medium des Bühnengerüsts in ein Beobachtungsmedium zweiter Ordnung verwandelt, das die Arbeit an diesem Geflecht und ihre Betrachter von psychischen Dispositionen entlastet und ein Abtasten von Formen freisetzt, die sich selbst zum Inhalt haben. Wir haben gesehen, wo Haltepunkte, Kehrtwendungen und Neigungswinkel entstehen, die sich jedem planerischen Zugriff entziehen. Und wir haben nicht gesehen auf welche Weise ein Problem gelöst wird, sondern wir sahen, wenn es glücklich ausgeht, wie man ein Rätsel installiert.

Kehren wir zu der Linie zurück, welche das weiße Blatt oder die leere Leinwand vertikal in zwei Hälften teilt und die getrennten Seiten in harter Fügung verklammert. Es verbietet sich, die Verlaufsform der Linie zu einem Schema zu verdinglichen und als ein Gleichnis zu lesen, dessen Bedeutung darin besteht, uns aus der alltäglichen Wahrnehmungs- und Meinungswelt in ein Reich idealer Klarheit zu transportieren. Es verbietet sich aber auch der umgekehrte Weg, der sie im Abgrund der Verblendung enden ließe. Vielmehr sind Aufstieg und Abstieg unterscheidungstechnisch auf einer Landkarte der Differenzen festgehalten und in die Verlaufsformen, die Umwege und in das Innehalten eines Zwischen-Seins überführt. Die Lineaturen der Landkarte verkörpern Klarheit und Verblendung gleichermaßen. Sie sind, obgleich vom Territorium alltäglichen Lebens abgetrennt, so weit von diesem nicht entfernt und metaphorisch mit ihm verbunden.

Bernhard Lypp
München 2020

Text erschienen im Katalog:
VERONIKA WENGER | DIE LINIE / THE LINE

 

“VI”
Veronika Wenger 2017
100 x 65 cm, marker, pencil on plastic
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VERONIKA WENGER | RHYTHM SECTION DIYARBAKIR PASAJ

Veronika Wenger, for one drink, 2020
Full HD

RHYTHM
SECTION
DIYARBAKIR
PASAJ


Online Exhibition Date: 31.12.2020
Time: 20:00 (Central European Time: 18:00) 
LINK: https://bit.ly/2YvBqvx

ANNEKE BOSMA
IEMKE VAN DIJK
DANIEL GEIGER
LON GODIN
MICHAEL GRAEVE
DAVID KEFFORD
OLEKSIY KOVAL
GUIDO NIEUWENDIJK
SERENA SEMERARO
MIRCO TARSI
VERONIKA WENGER
MICHAEL WRIGHT
WRIGHT & VAN ‘T HOOG


Project Coordinators:
REMZI SEVER @remzisever
BARIŞ SEYITVAN @barisseyitvan
UĞUR ORHAN @ugrorhn
MURAT KARTAL @_muratkartal


PASSAGE: A GATHERING OF COLLECTIVES 


Merkezkaç Art Collective is organizing a meeting of collectives after the “Encounters” exhibition that it co-operated with Space for Culture. With the principle of “unity is strength”, it brings together the art collectives and initiatives operating in various cities in Turkey and abroad. The collectives that come together in the project discuss the social issues such as identity, power, ecology, alienation, migration together with the current problems of contemporary art and try to make suggestions for possible solutions.

The exhibition aims to work on and determine the changes that collectives create through their own art practices in the centre and periphery (off-center) and aims to revive the dialogue environment by discussing the problems of the collectives together. It is among the goals of the project to shed light on the problems of the new collectives and to provide new perspectives to the young artist candidates.

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VERONIKA WENGER | KARŞI SANAT ÇALIŞMALARI ISTANBUL

Sechshundertviertausendachthundert Sekunden
Veronika Wenger, 2007
Marker on paper
100 x 160 cm
Karşi Sanat Çalişmalari Istanbul 2020
Sechshundertviertausendachthundert Sekunden (Detail)
Veronika Wenger 2007
Marker on paper
100 x 160 cm
Sechshundertviertausendachthundert Sekunden (Detail)
Veronika Wenger 2007
Marker on paper
100 x 160 cm

Sechshundertviertausendachthundert Sekunden (Detail)
Veronika Wenger 2007
Marker on paper
100 x 160 cm
Sechshundertviertausendachthundert Sekunden
Veronika Wenger 2007
Marker on paper
100 x 160 cm
Karşi Sanat Çalişmalari Istanbul 2020
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RHYTHM SECTION PAINTING VS IMAGE

RHYTHM
SECTION
PAINTING
VS
IMAGE

25 Sep
30 Oct
2020
Karşı
Sanat
Çalışmaları
Istanbul

ANNEKE BOSMA video
DANIEL GEIGER painting
HENRIËTTE VAN ‘T HOOG painting
GONGHONG HUANG painting
DAVID KEFFORD sculpture, photography, film and animation
OLEKSIY KOVAL painting
VERONIKA WENGER drawing, film
MICHAEL WRIGHT drawing, painting, video

Curated by SOPHIE-CHARLOTTE BOMBECK

In the agony of systems of symbols (systems of expression) a picture is the most boring and tiresome opponent of painting. However, it has happened time and again that one is confused with the other. Perhaps they are not rivals after all, and there is no difference at all between a painting and an image?

www.karsi.com

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