{"id":1163,"date":"2021-02-10T19:52:06","date_gmt":"2021-02-10T19:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/veronikawenger.de\/?p=1163"},"modified":"2021-02-10T19:58:52","modified_gmt":"2021-02-10T19:58:52","slug":"lineaturen-bernhard-lypp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/veronikawenger.de\/?p=1163","title":{"rendered":"LINEATUREN | BERNHARD LYPP"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_872\" aria-describedby=\"caption-attachment-872\" style=\"width: 345px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-scaled.jpg\" data-lightbox=\"gal[1163]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-872\" src=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-707x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-707x1024.jpg 707w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-207x300.jpg 207w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-768x1112.jpg 768w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-1061x1536.jpg 1061w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-1414x2048.jpg 1414w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/blacklinewaldberta-scaled.jpg 1768w\" sizes=\"auto, (max-width: 345px) 100vw, 345px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-872\" class=\"wp-caption-text\">\u201cBlack Line\u201d<br \/>Veronika Wenger 2020<br \/>100 x 70 cm, marker on paper<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das wei\u00dfe Blatt und die leere Leinwand sind materielle Gegenst\u00e4nde, die den Dingen und Ereignissen zugeh\u00f6ren, aus denen das Insgesamt der Welt besteht. Fassen wir sie jedoch als Ger\u00fcste einer B\u00fchne auf, dann haben wir sie aus dem Sammelsurium der Welt aussortiert und nehmen sie als einen Rahmen wahr, mittels dessen das Sein der blo\u00dfen Vorhandenheit in Anf\u00fchrungszeichen gesetzt ist. Wir haben eine imagin\u00e4re Grenzlinie gezogen, die zwischen dem wei\u00dfen Blatt, der leeren Leinwand und ihren realen Gegenst\u00fccken allt\u00e4glichen Lebens verl\u00e4uft: das B\u00fchnenger\u00fcst und was es sonst noch alles gibt. Aufgrund der Rahmung sind das B\u00fchnenger\u00fcst und seine Umwelt kreiert als das jeweils andere ihrer selbst und das Blatt und die Leinwand sind zu prim\u00e4ren Medien avanciert.<\/p>\n<p>Aber die Anf\u00fchrungszeichen sind da, bevor die S\u00e4tze artikuliert sind, die zwischen ihnen zu stehen h\u00e4tten. Wir haben die Klammern, aber das Eingeklammerte fehlt. Das Ger\u00fcst der B\u00fchne ist leer. Insofern bleibt es in der Wiederholung des Allt\u00e4glichen stecken, in dessen Ausdruckslosigkeit der Beobachter hineinstarrt \u2013 wie umgekehrt diese ihn anstarrt. Wie bringt man in das wechselseitige Anstarren eine wie auch immer geartete Artikulation hinein, das ist die Frage. Und die Antwort auf diese Frage lautet paradox genug: Durch Sichtbarmachen des Unsichtbaren und Unsichtbarmachen des Sichtbaren. Das Geschehen auf der B\u00fchne muss die materielle Welt verschwinden lassen und das Unsichtbare als eine imagin\u00e4re Welt zur Erscheinung bringen. Die Innenwelt der B\u00fchne hat das Au\u00dfen ihrer Umwelt in sich selbst einzuziehen und darin zu versammeln. Erst in dieser Doppelrahmung scheidet sich das Kunstwerk von seinen Gegenst\u00fccken in der realen Realit\u00e4t ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_637\" aria-describedby=\"caption-attachment-637\" style=\"width: 324px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/abgefratzt.jpg\" data-lightbox=\"gal[1163]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-637\" src=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/abgefratzt-665x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"324\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/abgefratzt-665x1024.jpg 665w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/abgefratzt-195x300.jpg 195w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/abgefratzt-768x1183.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 324px) 100vw, 324px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-637\" class=\"wp-caption-text\">\u201cAbgefratzt\u201d<br \/>Veronika Wenger 2018<br \/>100 x 65 cm, marker, tape, acrylic and pencil on plastic<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Anfang des Kunstwerks ist eine kontingente Setzung, ein Schnitt, der vom<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Zufall dirigiert ist, ganz gleich ob der Vortrag brutal oder z\u00f6gernd und tastend erfolgt. Das Kunstwerk betritt sein prim\u00e4res Medium, das B\u00fchnenger\u00fcst als ein Einschnitt, als eine \u201eunterscheidbare Form\u201c, als \u201eeine Linie, deren Ziehung zwei Raumteile trennt und damit erzeugt\u201c (Luhmann) &#8211;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>als jeweils andere Seite der anderen Seite. Die Arbeit kann sich nun auf beide Seiten und im Hin und Her zwischen ihnen erstrecken. Man markiert auf der einen Seite eine Stelle und muss schauen, was auf der anderen passiert. Im Vor und Zur\u00fcck, im Vorher und Nachher hat sich ein Kunstraum hergestellt und zugleich hat dieser seine Eigenzeit gewonnen. M\u00f6glicherweise muss die gezogene Linie versetzt und an den Rand der einen Seite verschoben werden, um der anderen einen gr\u00f6\u00dferen Spielraum zu verschaffen. Was folgt sind Sequenzen von Verschiebungen und Verdichtungen, von Brechungen und Durchstreichungen, ein Arsenal von Linienkombinationen, bis die Arbeit inneh\u00e4lt und die Schwerpunkte an andere Stellen verlegt \u2013 oder alle Markierungen entweder formenkombinatorisch oder buchst\u00e4blich zerfetzt werden, ein anderer Schnitt gemacht wird und ein neues Werk beginnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_590\" aria-describedby=\"caption-attachment-590\" style=\"width: 321px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/6.jpg\" data-lightbox=\"gal[1163]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-590\" src=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/6-658x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/6-658x1024.jpg 658w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/6-193x300.jpg 193w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/6-768x1196.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-590\" class=\"wp-caption-text\">\u201cVII\u201d<br \/>Veronika Wenger 2017<br \/>100 x 65 cm, marker, pencil on plastic<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was haben wir als Beobachter gesehen, wenn wir uns das Kunstgeschehen derart vergegenw\u00e4rtigen, worein sind wir involviert?\u00a0Wir haben gesehen, wie sich bei der Herstellung eines dichten Geflechts von Beziehungen die Beobachtung der Eingriffe in das Geflecht auf sich selbst richtet. Wir haben gesehen auf welche Weise sich das prim\u00e4re Medium des B\u00fchnenger\u00fcsts in ein Beobachtungsmedium zweiter Ordnung verwandelt, das die Arbeit an diesem Geflecht und ihre Betrachter von psychischen Dispositionen entlastet und ein Abtasten von Formen freisetzt, die sich selbst zum Inhalt haben. Wir haben gesehen, wo Haltepunkte, Kehrtwendungen und Neigungswinkel entstehen, die sich jedem planerischen Zugriff entziehen.\u00a0Und wir haben nicht gesehen auf welche Weise ein Problem gel\u00f6st wird, sondern wir sahen, wenn es gl\u00fccklich ausgeht, wie man ein R\u00e4tsel installiert.<\/p>\n<p>Kehren wir zu der Linie zur\u00fcck, welche das wei\u00dfe Blatt oder die leere Leinwand vertikal in zwei H\u00e4lften teilt und die getrennten Seiten in harter F\u00fcgung verklammert. Es verbietet sich, die Verlaufsform der Linie zu einem Schema zu verdinglichen und als ein Gleichnis zu lesen, dessen Bedeutung darin besteht, uns aus der allt\u00e4glichen Wahrnehmungs- und Meinungswelt in ein Reich idealer Klarheit zu transportieren. Es verbietet sich aber auch der umgekehrte Weg, der sie im Abgrund der Verblendung enden lie\u00dfe. Vielmehr sind Aufstieg und Abstieg unterscheidungstechnisch auf einer Landkarte der Differenzen festgehalten und in die Verlaufsformen, die Umwege und in das Innehalten eines Zwischen-Seins \u00fcberf\u00fchrt. Die Lineaturen der Landkarte verk\u00f6rpern Klarheit und Verblendung gleicherma\u00dfen. Sie sind, obgleich vom Territorium allt\u00e4glichen Lebens abgetrennt, so weit von diesem nicht entfernt und metaphorisch mit ihm verbunden.<\/p>\n<p>Bernhard Lypp<br \/>\nM\u00fcnchen 2020<\/p>\n<p>Text erschienen im Katalog:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/veronikawenger.de\/?p=899\">VERONIKA WENGER | DIE LINIE \/ THE LINE<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_459\" aria-describedby=\"caption-attachment-459\" style=\"width: 321px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/7.jpg\" data-lightbox=\"gal[1163]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-459\" src=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/7-657x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/7-657x1024.jpg 657w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/7-193x300.jpg 193w, https:\/\/veronikawenger.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/7.jpg 1858w\" sizes=\"auto, (max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-459\" class=\"wp-caption-text\">\u201cVI\u201d<br \/>Veronika Wenger 2017<br \/>100 x 65 cm, marker, pencil on plastic<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das wei\u00dfe Blatt und die leere Leinwand sind materielle Gegenst\u00e4nde, die den Dingen und Ereignissen zugeh\u00f6ren, aus denen das Insgesamt der Welt besteht. 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